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26. November 2009 Betreuungsgeld: eine bildungspolitische Katastrophe – Lernumfeld Kinderkrippe und Kindergarten gerade für einkommensschwache Familien besser „Die Realisierung eines Betreuungsgeldes wäre die wohl größte denkbare bildungspolitische Katastrophe. Gerade Kinder aus einkommensschwachen und armen Familien profitieren am deutlichsten vom Besuch der Kinderkrippe und des Kindergartens. Das zeigen alle nationalen und internationalen Untersuchungen.“ sagt Prof. Dr. Holger Brandes, Mitglied im Vorstand des DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik). „Diese Familien sind am stärksten von staatlicher Zuwendung abhängig und können deshalb ein solches Angebot kaum ablehnen – zum Schaden der Kinder, denen sie zuhause kein vergleichbares Lernumfeld bieten können. Die Familien, die am ehesten geeignet wären, in ihrem häuslichen Umfeld ein pädagogisch optimales Lernmilieu zu schaffen, sind dagegen in der Regel nicht auf öffentliche Gelder angewiesen. Der Effekt eines solchen Vorschlages ist also vorauszusehen: Er wird die soziale Ungleichheit der Bildungschancen in Deutschland, die sogenannte „Vererbung von Bildungsabschlüssen“ noch verstärken.“ Prof. Dr. Holger Brandes plädiert dafür, Kindergartenkindern statt individuell maßgeschneiderter pädagogischer Sonderprogramme mehr Zeit zum Spielen in Gruppen und unter Gleichaltrigen zu lassen – im Interesse einer verbesserten frühkindlichen Förderung. Prof. Dr. Holger Brandes ist Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit, Dresden, und Mitglied im Vorstand des DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik). Sein Buch „Selbstbildung in Kleingruppen – Die Konstruktion sozialer Beziehungen“ ist 2008 beim Ernst Reinhardt Verlag in München erschienen. Ein Interview mit Holger Brandes finden Sie als Worddatei anbei. Der Abdruck ist kostenfrei. Bitte teilen Sie uns mit, ob Sie das Interview verwenden wollen. Textbearbeitungen sind mit uns abzustimmen. Für Rückfragen: Andrea Weingart, 0177 / 59 63 859 i.A. Jutta Bohnhorst DAGG-Geschäftsstelle Landaustrasse 18 34121 Kassel Tel./Fax: +49(0)561-284567/284418 www.dagg.de
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Interview |
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Interview mit Holger Brandes
Titelvorschlag: „Kinder lernen voneinander“
Holger Brandes, Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (ehs), plädiert dafür, Kindergartenkindern statt individuell maßgeschneiderter pädagogischer Sonderprogramme mehr Zeit zum Spielen in Gruppen und unter Gleichaltrigen zu lassen – im Interesse einer verbesserten frühkindlichen Förderung.
FRAGE: Englischkurse oder Geigenunterricht für Vierjährige, Jiu Jitsu beim persönlichen Fitnesstrainer und eine chinesische Nanny als Standortvorteil im globalisierten Wettbewerb: aufgescheucht durch die frühkindliche Bildungsdebatte, muten viele Eltern ihren Sprösslingen bereits im Kindergartenalter durchgetaktete Acht-Stunden-Tage zu. Zeit zum Spielen mit anderen Kindern bleibt da wenig. Zu Recht?
HOLGER BRANDES: Tatsächlich gibt es solche Missverständnisse, die z.T. durch neurophysiologische Botschaften über frühe „Lernfenster“ ausgelöst werden. Richtig daran ist, dass Kinder im Vorschulalter hoch aufnahmefähig beispielsweise für Fremdsprachen sind. Kursprogramme sind aber keine optimale Lernform für Kinder. Sie lernen am Besten in spielerischer Form und im Alltag. Und sie lernen in erheblichem Maße voreinander, also im gemeinsamen Spiel in der Gruppe, wo sie auf einer Augenhöhe kommunizieren, ihre eigenen Fragen entwickeln und kreativ eigene Lösungen finden können.
FRAGE: Um es plakativ zu formulieren: Mehr Gruppen- statt Einzelaktivitäten bei der kindlichen Frühförderung, und alles wird gut?
HOLGER BRANDES: Man kann individuelle Förderung und die Förderung in der Kindergruppe nicht gegeneinander ausspielen. Tatsächlich profitieren Kinder aber ganz erheblich davon, dass sie im Kindergarten nicht nur von Erwachsenen, sondern in ihren Gruppenaktivitäten auch von anderen Kindern lernen. Ganz abgesehen von wichtigen sozialen Kompetenzen lernen Kinder auch im intellektuellen Bereich hier viel nachhaltiger, weil dieses Lernen in den kindlichen Denkhorizonten passiert. Es geschieht nicht durch Imitation von Erwachsenen oder Anpassung an diese, sondern unmittelbar ausgehend von den Fragen der Kinder und in der offenen Kommunikation untereinander. Dabei brauchen die Kinder natürlich Anregungen und Hilfestellungen und deshalb auch Erwachsene, vor allem aber brauchen sie Zeit und Raum, um ihre eigene Weltsicht „auszuspielen“ und dabei kreativ und selbständig Antworten zu kreieren. In der Praxis werden Kinder häufig in kurze Taktzeiten gezwängt, die es ihnen erschweren, gemeinsame Gruppenprozesse und das eigene Spiel zu entwickeln. Dann taumeln sie letztlich nur von einem gutgemeinten pädagogischen Angebot ins nächste. Das bereitet sie vielleicht auf den später willkürlich Fachwechsel vor, den unsere Schulen vielfach noch zumuten, erschwert ihnen aber, sich entsprechend ihrer eigenen Interessen wirklich in eine Tätigkeit zu vertiefen und darin etwas Neues zu entwickeln oder zu entdecken. FRAGE: Aber ist das nicht eine Abkehr vom Kindergarten als Bildungseinrichtung und ein Zurück zum alten Spielkindergarten? Was lernt ein Kind, das stundenlang mit Gleichaltrigen spielt?
HOLGER BRANDES: Das Spiel ist die beste und effektivste Lernform nicht nur für Kinder. Es ist der vielleicht größte pädagogische Irrtum, Spielen und Lernen zu trennen und als Gegensatz zu sehen. Spielen ist vielmehr der „Prototyp des Lernens“, wie ein berühmter Psychologe, Lew Wygotski, einmal formulierte. Sie müssen nur einmal beobachten, mit welcher Hingabe und Ausdauer sich Kinder im Spiel an schwierigen Sachproblemen oder auch sozialen Problemen abarbeiten, wenn sie Zeit und Raum dafür haben. Im Spiel eignen sich Kinder Sprache an, sie argumentieren und stoßen dabei auf logische Zusammenhänge und Widersprüche, sie konstruieren Bauwerke und schlagen sich dabei mit physikalischen Grundgesetzen herum. Und in ihren Rollenspielen eignen sie sich die soziale Welt und deren z.T. komplizierte Regeln an, entwickeln Konfliktstrategien und Dialogstrukturen. Und immer tauschen sie dabei unterschiedliche Erfahrungen aus und erweitern damit ihren Horizont über ihre bisherige Welt der Familie hinaus aus. Dies steht überhaupt nicht im Widerspruch zu neuen Bildungsansprüchen, insbesondere wenn Erzieherinnen und Erzieher diese Spiel- und Gruppenprozesse einfühlsam begleiten und fördern.
FRAGE: Bei Eltern, denen es vor allem um Wissens- oder korrekten Spracherwerb geht, werden Sie mit Ihren Forderungen nach mehr freiem Spiel unter Gleichaltrigen einen Sturm der Entrüstung auslösen.
HOLGER BRANDES: Nur wenn wir den Eltern diese Zusammenhänge nicht erläutern und nicht erklären, welche Lernprozesse bei diesen Gruppenspielen ablaufen. Eltern denken über Lernen verständlicher Weise zumeist so, wie sie es aus ihrer eigenen Schulzeit kennen. Man muss ihnen erst deutlich machen, dass der klassische Frontalunterricht für optimales Lernen von Kindern nicht angemessen ist. Besonders der naturgemäß kindliche Forscherdrang und Wissbegierde werden hierdurch nicht gefördert, sondern vielmehr eingeschränkt. Wissen an sich oder frühes Schreiben-Können ist heute nicht mehr die entscheidende Frage für späteren Lernerfolg. Viel wichtiger ist Lernmotivation und die Fähigkeiten, intellektuelle oder soziale Probleme zu lösen. Kinder, die im Kindergarten gelernt haben, eigenen Lerninteressen intensiv und mit Spaß nachzugehen, anstatt sich immer nur an Angeboten und Vorschlägen von Erwachsenen zu orientieren, haben langfristig die besten Bildungsperspektiven. Der Kindergarten darf sich deshalb auch nicht an der Schule orientieren, sondern umgekehrt hat die Schule hier Nachhol- und Reformbedarf und steht vor der Aufgabe, sich stärker an neuen lerntheoretischen Erkenntnissen und den Lernbedürfnissen der Kinder zu orientieren.
FRAGE: Welche Rolle bleibt dann noch für die Erzieherinnen und Erzieher?
HOLGER BRANDES: Zuerst einmal müssen Erzieherinnen und Erzieher die Bildungsbedürfnisse und –interessen der Kinder erkennen, was gar nicht immer so einfach ist. Je nach Alter der Kinder müssen aber auch wählbare Lernherausforderungen und –angebote vorhanden sein. Nicht in Kursform, sondern als Teil des selbstverständlichen Kindergartenalltags. Und dann sollen sie die Selbstbildungsprozesse in den Kindergruppen unterstützen, indem sie die notwendigen „Spielräume“ schaffen, aber zugleich den kindlichen Bedürfnissen nach Sicherheit und Orientierung gerecht werden. Dies kann heißen, dass sie Regeln für die Interaktion innerhalb der Gruppe mitgestalten und Lernprozesse durch Fragen und Hinweise begleiten. Vielfach ist auch nur notwendig, die Kinder aufmerksam zu beobachten und keine fertigen Lösungen für ein Problem vorzugeben, damit die Kinder zu eigenen kommen können. Dies erfordert in vielerlei Hinsicht mehr pädagogisches Einfühlungsvermögen und Kreativität als simple Sprach- oder Schreibübungen oder die früher üblichen Bastelaktivitäten.
FRAGE: Die Erzieherin der Zukunft ist also eher eine Moderatorin?
HOLGER BRANDES: So könnte man es ausdrücken. Es ist aber nicht nur Moderation, sondern zugleich Anregung, Begleitung, Unterstützung. Erforderlich ist dabei ein viel bewussteres Umgehen mit dem Kind und seinen Lernbedürfnissen. Dies ist eine Herausforderung. Wenn es der Erzieherin oder dem Erzieher aber gelingt, dabei die Kindergruppe und ihr Potenzial „ins Spiel zu bringen“ und die Lernprozesse unter den Kindern optimal zu fördern, ist dies ein Entlastungsfaktor. Dies ist angesichts der Tatsache, dass der Personalschlüsse in unseren Kindergärten unbefriedigend ist und wir zuwenig Fachkräfte haben, ein wichtiger Aspekt.
FRAGE: Zuletzt noch die Frage, was Sie von dem Vorschlag eines Betreuungsgeldes für Familien halten, die ihre Kinder nicht in öffentliche Einrichtungen geben.
HOLGER BRANDES: Die Realisierung dieses Vorschlags wäre die wohl größte denkbare bildungspolitische Katastrophe. Gerade Kinder aus einkommensschwachen und armen Familien profitieren am Deutlichsten vom Besuch der Kinderkrippe oder des Kindergartens. Das zeigen alle nationalen und internationalen Untersuchungen. Diese Familien sind aber am stärksten von staatlicher Zuwendung abhängig und können deshalb ein solches Angebot kaum ablehnen – zum Schaden ihrer Kinder, denen sie zu Hause kein vergleichbares Lernumfeld bieten können. Die Familien, die am ehesten geeignet wären, in ihrem häuslichen Umfeld ein pädagogisch optimales Lernmilieu zu schaffen, sind dagegen in der Regel nicht auf öffentliche Gelder angewiesen. Der Effekt eines solchen Vorschlages ist also vorauszusehen: Er wird die soziale Ungleichheit der Bildungschancen in Deutschland, die sogenannte „Vererbung von Bildungsabschlüssen“ noch verstärken – aber vielleicht ist das ja genau die Absicht dieses Vorschlags.
Prof. Dr. Holger Brandes ist Direktor des Instituts für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit, Dresden, und Mitglied im Vorstand des DAGG (Deutscher Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik).
Sein Buch „Selbstbildung in Kleingruppen – Die Konstruktion sozialer Beziehungen“ ist 2008 beim Ernst Reinhardt Verlag in München erschienen.
Das Interview führte Andrea Weingart mit Holger Brandes.
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Aktuelles Das "Innere Kind" - Dein unbekanntes Wesen
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